Prinzessin Fantaghiro : Aranea - die Welt in Schatten (by Leyhlah)




Aranea - die Welt in Schatten // Variante von Teil 9 & 10 // Variante von Teil 7 & 8 //

La decisione - die Entscheidung





Hier findest du eine Liste der Charaktere zu dieser Geschichte


Prolog


Diese merkwürdige Stille war das erste was ihre Ohren vernahmen, als sie das weite Feld vor ihr erblickte. Ihre dunklen Augen verfolgten das Gras, welches sanft im Wind schaukelte. Sie fuhr mit ihren blassen Händen durch das kurzgeschorene dunkle Haar.
Die Erschöpfung hatte sie eingeholt. Tagelang hatte sie sich durch ein dichtes Waldstück gekämpft, welches jetzt abrupt endete und sich wie eine Mauer hinter ihr auftat. Die Tatsache dass ihre Vorräte knapp wurden erschwerte ihre rasche Reise.
Mit dem Ärmel ihres roten Hemdes strich sie sich über die Stirn, worauf ein leichter Seufzer folgte. Erst wenige Tage zuvor hatte sie den Entschluss gesetzt die Anderswo-Welt zu verlassen und betrat den düsteren Wald. Die Erinnerungen an ihr altes Leben legte sich wie ein Nebel um ihre Gedanken und es hatte angefangen zu sehr zu schmerzen, um es abzutun und hinter sich zu lassen. Die Last ihrer Vergangenheit, die Empfindungen und die Verantwortung, die ihr anhing, war zu groß und so wichen ihre neuen Gefühle zusammen mit der Neugierde an der hiesigen Welt. Es tat ihr Leid, um die Menschen die sie hier zurück ließ, besonders um Aries. Aber ihr Herz schien sich Klarheit geschaffen zu haben und so entschied sie sich dafür den blonden Freibeuter zurück zu lassen. Mit einer untrüglichen Sicherheit, dass er seinen eigenen Weg finden würde.
Sie schnürte ihre Lederweste bis oben hin zu und stülpte den Kragen auf, die Luft hatte sich abgekühlt und es brach erneut eine unbehagliche Nacht herein. Fantaghiro warf sich den Ledersack, der ein paar Habseeligkeiten sowie den Rest an Nahrung in sich trug, über die Schulter und machte sich wieder auf den Weg. Wer weiß wie lange sie noch hier umher irren würde, bis sie auf die nächste Siedlung trifft. Ohnehin hätte hier schon längst eine sein müssen.
Das Gras war hier hoch gewachsen und in der anbrechenden Dunkelheit konnte man nicht feststellen, ob jemand im Dickicht auf einen lauerte, daher ließ sie ihre freie Hand auf dem Griff ihres Schwertes ruhen. Sie war sich bewusst, dass es unvernünftig war in der Nacht weiter zu reisen, aber sie konnte sich selbst nicht davon abbringen so rasch wie möglich ihre Liebsten wieder in die Arme zu schließen. Der Glaube und die Liebe an Romualdo ermöglichten ihr an dem Gedanken festzuhalten, dass auch er auf der Suche nach ihr war. Auf ihren Lippen malte sich ein schmales Lächeln ab. Die Hoffnung gab ihr neue Kraft um beinahe vollends über den Hunger und die Ermattung hinweg zu sehen.


Kapitel 1 : Perfekt


Es war eine ewige Suche die fast sinnlos erschien und mit seinem Schmerz und Leid gepflastert war. Aber er konnte sich nicht davon abbringen. Seine Gedanken umklammerten den letzen Schimmer von Hoffnung, als wäre es der letzte Weg zurück ins Leben, das einzige was ihn noch retten könnte. Und jedes Mal wenn er den selben alten Pfad betrat, durch das selbe Blättergewirr schaute und er nichts erblickte als den selben alten Waldboden, schrie sein Herz unglaublich auf. Jeden Tag an dem er erfolglos heimkehrte von seiner nie endenden Suche und seine Ziehtochter tränen getränkt auf ihn zu rannte, jede Nacht in der er sich in das Bett warf, was nicht für ihn allein bestimmt war und dieser Gedanke seine Träume zerfraß, starb ein Teil seines Herzens.

Er hätte alles ertragen können, selbst die schlimmste Schande hätte er voller Stolz getragen. Aber der Verlust seiner Liebe zerstörte ihn auf eine Art die er sich selbst nicht erklären konnte. Es war als würde man ihm jeden Tag aufs neue die Luft zum atmen rauben, als würde man ihm das Blut aus den Adern saugen. Als würde nichts mehr eine Rolle spielen und nur noch der pure Schmerz grausam auf seinem Leib und seiner Seele trohnen und hämisch über ihn lachen.

Er ritt wieder aus, die sanften grünen Augen, die einst voller Glück strahlten und jetzt müde hinter den dunkelblonden Haaren hervor schauten, richteten sich müde auf den Weg, den er schon so oft verfolgt hatte. Es war eine Routine, jeden Tag, doch hatte er jedes Mal diese grausame Hoffnung, die ihn nicht sterben lassen wollte. Erschöpft schleppte ihn sein Pferd den gleichen Pfad entlang, immer mit dem Gedanken dass er sie finden würde, seine Königin. Seine endlos schöne Braut mit dem Mut und dem Stolz eines Ritters. Seine wundervolle Fantaghiro, die ihn jedes Mal aufs neue überraschte. Jeder Gefahr trotzend erhob sie ihr Schwert.
Ihr Licht, das heller strahlte als jede Sonne gab dem Bösen keine Möglichkeit seine Schatten zu entfalten. Er könnte so vieles nennen was er an ihr liebte, an ihr bewunderte. Doch würde es für ihn nie genug sein, um das auszudrücken was sie war. Seine Königin. Seine Fantaghiro.

Doch an jenem Tag sollte aller Schmerz eine neue Bedeutung erlangen.
Wieder entlang des Pfades, und vorbei an dem Blättergewirr bemerkte er wie etwas durch sein Gebüsch huschte. Sein Gebüsch, in dem er ihre großen dunkel Augen entdeckte, die ihn voller Energie anstrahlten.
Ein Meer aus rotbraunen Locken war das erste was er erblickte. Er stieg ab von seinem Pferd und ließ seine Hand auf dem Griff seines Schwertes ruhen. Behutsam näherte er sich dem Gestrüpp.
Und da waren sie wieder, die Augen die ihn so fesselten, jedes Mal wenn er hinein schaute. Die Augen die so tief wie ein Ozean zu sein schienen. Sie leuchteten ihm unverfroren entgegen.
Wieder fand er sich in dem Szenario gefangen. Erst war es eine eiskalte Gänsehaut die ihm über das Leib fuhr, dann fühlte er nichts. Er war geschockt und hätte beinah nicht mitbekommen, wie das Herz in seinem Leib für einen Augenblick stehen blieb. Alles vergessend, rannte Romualdo auf das Gestrüpp zu und bemerkte nicht mal wie ihn die dünnen scharfen Äste ins Leib schnitten. Seine Arme umschlossen ihren zierlichen Körper und das selbe helle braune Kostüm von damals. Er hob sie hoch und ließ sie in seine Umarmung gleiten. Ihr Arme, die von den blauen Stoff bedeckt waren, umschlossen seinen Hals. Die rotbraunen Locken fielen auf ihn nieder wie ein warmer Sommerregen. Er schloss seine Augen und legte seinen Kopf an den ihrigen. Ihre Haare trugen den sanften Geruch des Waldes, es war das schönste was er je gerochen hatte.
Und sie war so warm, es war als würde er nicht einen Menschen im Arm halten, sondern einen Wesen aus Licht, dass nur für diesen Augenblick geboren wurde. Sein Herz zersprang, voller Schmerzen. Nicht vor Trauer, aber vor Glück, weil es seit jeher das stärkste war, was er gefühlt hatte und dies schmerzte nun in seiner Brust, als seine Finger sanft durch ihre Locken fuhren.
Wie im Traum kam es ihn vor, als wäre er in einer Trance. Aber es fühlte sich gut an, es fühlte sich grade zu großartig an.

Fantaghiro stieg auf das Pferd auf, mit einer Grazie die ihn erschrak. Er nahm hinter ihr Platz und legte vorsichtig seine Arme um sie. Nun, wo der Moment ihm bewusst wurde, wollte er sie nicht stärker berühren, weil er fürchtete, dass sie doch nur ein Traum ist und wie Glas zerspringt. Doch sie deutete ihm, dass sie jede Berührung genoss.
Sie drückte ihren Rücken gegen seine Brust und ließ einen Seufzer von sich. Erschöpft ließ sie ihre Augen zu fallen. Romualdo legte seinen Kopf auf ihre Schulter nieder und nahm die Zügel in die Hand.


Wenn man die Schönheit eines Traumes in Worte fassen könnte, dann würde er jetzt die Worte finden, die dies beschreiben. Er würde nichts verblümen, um es nicht seiner natürlichen Schönheit zu berauben. Wenn es so perfekt ist, wie es ist, wozu es noch mehr ausschmücken.
Es war tatsächlich perfekt. Alles.


Kapitel 2 : Augen aus Gold


Ein Fluss aus Tränen begrüßte sie, als ihre beiden Schwestern sie in die Arme schlossen. Unter tiefen Seufzen säuselten sie immer wieder ihren Namen als wäre es ein Mantra. Ihre Gesichter gruben sie tief in den Hals ihrer verloren geglaubten Schwester. Als ginge es um ihr Leben griffen um den zarten Leib Fantaghiros. Ihre Finger krallten sich fest in den Stoff der Miederweste.
Doch Fantaghiro selbst lag nur zögerlich die Arme um das Paar. Sie war überrascht von der überwältigenden und herzzerreißenden Begrüßung.
Nachdem sie sich langsam gefangen hatte, strich sie beiden sanft über die Rücken. Katharina war die erste die zögerlich von ihr abließ und ihr in die Augen schaute. Ein paar dunkle Strähnen hatten sich aus dem geflochtenen Zopf gelöst und hingen ihr ins Gesicht, sie waren teils in Tränen gebettet.

„Wir hatten die Hoffnung schon beinah begraben.“

Fantaghiro hatte ein zartes Lächeln auf dem Gesicht, als sie die Wange ihrer Schwester berührte. Worauf diese auf ein neues zu weinen begann. Grade zu hysterisch klammerte sie sich wieder an ihre Schwester.
Jede erneute Berührung schmerzte die beiden wie ein Messerstich ins Herz. Sie konnten einfach nicht von ihr ablassen.

Eine Hand griff von Hinten an die Schulter des gedankenverlorenen Romualdo. Als er sich zur Seite drehte begrüßte ihn Ivaldos von Kummer geplagtes Gesicht. Musste er doch fast ein Jahr lang seine trauernden Karolina Zuversicht schenken.
Er drückte ihm die Schulter und schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. Sein König nahm die Geste dankbar entgegen.
Nun gesellte sich Kataldo an seine andere Seite. Die drei Freunde sahen ihren Liebsten mit fernem Blick zu.
Durch die Tore wo noch eben die beiden älteren Schwestern gestürmt kamen, traten nun die Ammen mit den beiden Kindern auf den Arm. Beide waren schon gewachsen und nach dem Jahr kaum wieder zu erkennen.
Fantaghiro schenkte ihn nur einen flüchtigen Blick und schaute zu Romualdo hinüber. Gedankenschwanger betrachteten ihre fast schwarzen Augen den König. Er konnte nicht entziffern, was der Blick verheißen sollte, aber er verschaffte ihm Unbehagen. Seine Augenbrauen verzogen sich und seine Lippen wollten sich öffnen um ihr eine Frage zu stellen. Aber sein Handeln wurde vom Schreien der beiden Kinder unterbrochen.
Die beiden älteren Schwestern schauten auf zu Fantaghiro, welche ihnen nun wieder ein aufmunterndes zartes Lächeln schenkte. Nun ergriff Karolina das Wort.

„Oh Fantaghiro, wir haben uns so viel zu erzählen.“

Sie strich sich die nassen blonden Locken aus dem Gesicht und blickte wieder ihrer kleinen Schwester entgegen.

„Du musst dir unsere Kinder ansehen. Schau nur wie sie gewachsen sind.“

Fantaghiro ließ ein wenig von den beiden ab und strich sich durch die langen rotbraunen Locken. Sie waren durch die Tränen leicht benetzt.
Ivaldo wandte sich auch an seine Königin.

„Zwei Prachtburschen und sie werden immer kräftiger.“

Sie schenkte ihnen dieses Mal nicht einen einzigen Blick. Noch einmal streichelte sie zaghaft ihre Schwestern und ließ gänzlich von ihnen ab. Das Mieder richtend lief sie auf Romualdo zu.

„Warum schreien die beiden so? Was ist los?“ Eine zarte Kinderstimme drang an die Ohren der Gruppe.

Die kleine Smeralda stand da in ihrem blassblauen Kleid und strich sie das goldene Haar aus dem Gesicht. Als die strahleblauen Augen die Frau nicht weit von ihre entfernt erkannten, rissen sie auf. Die Situation nicht ganz verstehend hielt sie kurz inne.
Doch als die Erkenntnis über sie hinein brach, rannte sie los um ihre Ziehmutter in die Arme zu schließen und nichts hätte sie stoppen können.
Sie schmiss die dünnen Arme um das Leib und drückte Fantaghiro so stark wie sie konnte. Diese war wieder von einem Sturm an menschlichen Gefühlen überrascht worden, diesmal erkannte sie diese aber schneller und legte wieder die Arme um den Menschen vor ihr.
Smeralda begann nun auch zu weinen und schmiegte den Kopf an den Fantaghiros Mieder.
Sie strich mit ihren langen schmalen Fingern durch die goldenen Locken des Mädchens, aber ließ wieder kein Wort von sich. Smeralda ließ ein wenig los und schaute auf zu ihrer Ziehmutter. Doch als sie die Augen, die mit endloser Liebe und Leidenschaft gefüllt waren erwartete, begrüßten sie zwei schwarze Meere, die kalte Kalkulation widerspiegelten. Erschrocken ließ sie vollends von Fantaghiro ab und wich ein paar Schritte zurück. Sie starrte die Frau vor sich unverständlich an. Doch dann blitzten die blauen Augen wissend auf.

„Du bist nicht Fantaghiro!“, schrie das Mädchen.

Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und presste sie gegen ihre Hüften als die Wut sie gänzlich überkam.

„Wie kannst du uns das nur antun! Du bist nicht meine Mutter! Verschwinde von hier!“

Das kleine Leib zitterte vor Zorn und Trauer. Die Tränen liefen ihr vom Gesicht und hüllten die Wanger fast gänzlich in Wasser.
Fantaghiro sah sie geschockt an, aber sagte nichts weiter.
Romualdo war ebenfalls geschockt, so wie alle anderen. Aber nicht nur durch den Vorwurf des Kindes, sondern war er überrascht dass Smeralda Fantaghiro gänzlich als Mutter benannte, war der Titel vorher nur ihrer leiblichen vorbehalten.

„Smeralda, warum sagst du so was? Es schmerzt mich dich so reden zu hören. Ich bin es doch wirklich.“

Fantaghiros Augen schauten nun schmerzvoll auf das Mädchen nieder. Sie breitete ihre Arme aus.

„Aber ich habe Verständnis. Ich war so lange fort. Es tut mir leid, lass mich es wieder gut machen.“

Das erzürnte sie noch mehr.
„Hör auf! Hör auf! Halt den Mund, ich will kein Wort hören!“.

Von dem Schmerz in ihrer Brust überwältigt begannen ihre schmalen Beine zu zittern und sie sank auf den sandigen Boden. Karolina und Katharina waren so sehr von dem Szenario überwältigt, dass sie sich aneinander klammerten und gemeinsam ebenfalls auf den Boden sanken.
Ivaldo und Kataldo eilten zu ihren Frauen und schlossen sie in die Arme.
Romualdo war nur geschockt. Unfähig zu sprechen oder zu denken stand er einer Marmorsäule gleichend auf seinem Platz. Fantaghiro seufzte leicht genervt auf und setzte sich zu der verzweifelten Smeralda nieder. Ihre Hände wollten nach den Armen des Mädchens greifen, doch diese schrie auf und kroch hastig von ihr weg.
Romualdo schüttelte den Kopf um sich von seiner Trance zu befreien und rannte zu den beiden hinüber. Er sah auf beide nieder, zu seiner linken lag seine vor Leid zusammen gebrochene Tochter und zu seiner rechten seine lang verschollene Frau, würde ihn der Moment nicht so sehr rühren, würde er ihn für lächerlich erklären.
Er beugte sich nieder zu Smeralda. Der Blick dem sie ihn schenkte brach sein Herz ein weiteres Mal.
Es herrschte so viel Schmerz in diesem kleinen Menschen. Er legte seine Hände an ihre Seiten und nahm sie in die Arme. Diese warfen sich um seinen Hals und wieder begann sie schrecklich zu weinen.

„Ich verstehe das. Das alles tut mir so unendlich leid. Ich kann es nicht mal in Worte fassen.“

„Ich weiß.. aber alles wird gut.“

Romualdo drehte sich um in ging mit seiner Tochter auf dem Arm ins Schloss zurück. Seine Schritte fielen ihm schwer, wollte er seine Königin nicht mehr aus den Augen lassen. Aber seine Tochter brauchte ihm in diesem Moment mehr. Fantaghiro schaute den beiden missmutig hinterher.


Smeralda starrte in die Nacht hinaus. Das blasse Mondlicht spiegelte sich auf dem Gesicht wieder.
Sie war nur in ein dünnes Nachtgewand gehüllt, die Kälte drang dadurch bis zu ihren Knochen vor, aber sie hieß die Kälte willkommen. Sie gaben ihr eine gewisse Befriedigung und betäubte den noch immer andauernden Schmerz.
Ein tiefes seufzen entkam ihrer Kehle.
Sie drehte sich zur Tür. Nun war sie sich unsicher ob ihr Ausbruch vorhin doch ein Fehler war. Vielleicht hatte sie Fantaghiros Blick bloß falsch gedeutet. Wenn es doch ihre geliebte Mutter war, dann hatte sie ihr vorhin schreckliches angetan. Sie musste sich Sicherheit verschaffen.
Smeralda griff nach dem nachtblauen samtenen Überwurf und zog ihn über das Hemd.
Der leuchtenden Kugel auf dem kleinen Nachttisch warf sie einen letzten Blick zu.

„Wünsch mir Glück.“

Dann wandte sie sich ab und verließ das Zimmer.

Das kleine Wesen in der Kugel drückte sich gegen die gläserne Wand und neigte ihren Kopf fragend zu Seite. Die kleinen leuchtenden Flügel flackerten unaufhörlich an ihrem Rücken.
Das Wesen war ein Geschenk, Tarabas hatte noch einmal seine Magie angewandt um der Prinzessin etwas zu schenken was ihr in einsamen Momenten Hoffnung schenken sollte.
Und diesen Zweck erfüllte die kleine Fee mit einer Passion, war ihr das Mädchen mit den goldenen Haaren ans Herz gewachsen.

Nur noch ein paar wenige Schritte trennte sie von der Tür zum Schlafzimmer des Königspaares. Offenbar war noch jemand wach, denn die Tür war sperrangelweit offen und Kerzenlicht erfüllte den Raum.
Sie begann zu schleichen, die Arme weit von sich gestreckt um die Balance zu halten.
Als sie ins Licht trat, hielt sie sich am Türrahmen fest und versuchte ihren Kopf um die Ecke zu schieben. Er war leer. Smeralda holte tief Luft und betrat den Raum. Ihr Blick fiel sofort auf die metallene Schatulle, die auf dem Tisch gegenüber des Bettes stand. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und sie rieb sich mit fragenden Gedanken die Nase.
Sicherheitshalber schaute sie hinter sich. Nichts, nicht einmal das Holz knarrte.
Nun lief sie auf den Tisch zu und griff nach dem Kästchen. Die schmalen Finger öffneten den wertvoll anmutenden Gegenstand. Ihre Augen blickten auf eine kleine verzierte Phiole nieder, die begann weiß zu leuchten, als das Licht auf sie traf. Smeralda atmete tief durch und stellte die Schatulle zurück auf den Tisch.

Ein grässliches Fauchen drang an ihre Ohren und erschrocken sah sie zur Tür. In dem Raum war eine wütende Fantaghiro getreten. Das Leib in ein rotes Kleid gehüllt. Ihre Augen blitzten das Mädchen bösartig an, katzenartig starrten ihr von Rage getränkte goldene Augen entgegen. Die Arme des Mädchen sanken an ihre Seiten.
Auf Fantaghiros Gesicht zog sich ein kaltes Grinsen ab, ihr Mund war mit spitzen Zähnen gespickt. Wieder riss sie ihn auf um einen markerschütterndes Fauchen von sich zu geben.
Smeralda erschrak erneut und der Atem gefror ihr im Hals, die blauen Augen waren vor Angst weit aufgerissen. Die Zähne blitzten sie grade zu auf eine morbide Weise einladend an.
Über das Gold der Augen floss schwarzer Schleim und hüllte sie in eine kalte endlose Tiefe. Nun war es genug, Smeralda stieß die Luft von furchtgetränkt aus ihren Lungen und rannte los.

Einen Moment länger und sie hätte mit angesehen, wie die braunen Locken sich zu blonden wandelten und das lachen, was jetzt den Raum erfüllte einige höhere fast schon schrille Töne annahm.

Die schmalen Beine rannten so schnell sie konnten durch die dunklen langen Gänge. Es scherte sie nicht einmal die Dunkelheit, die über den Gängen lag, waren sie nichts im Vergleich zu der Finsternis der sie grade entgegen geblickt hatte.
Ihre Seiten stachen, doch konnte sie nicht anhalten. Die Angst verbot es ihr und drängt sie dazu weiter zu laufen. Bis hin zu den Toren und in die Nacht hinaus. Vorbei an die Wachen die regungslos auf ihren Posten standen.
Die goldenen Locken flogen hinter ihr, die Finger krallten sich in die Ärmel des Mantels als sie versuchte so viel Platz zwischen sich und der Kreatur zu schaffen wie möglich war.

Ihre Beine trugen sie aus dem Schloss hinaus. Der Boden wurde uneben und die schmalen Füße stolperten über einzelne Steine, doch konnte sie sich immer wieder aufrichten. Bis sich eine Wurzel ihr in den Weg lag und ihren ganzen Körper zu Fall brachte. Smeralda stürzte in den Dreck nieder.
Das schwache Atmen des Körpers war alles was sich noch bewegte.
Dann richtete sie sich langsam wieder auf. Das Gesicht und der Mantel waren beschmutzt und die Locken waren von Dreck verknotet. Sie wischte sich die Wangen mit den Händen sauber und fühlte nach ihrem Knöchel. Außer einer Schramme hatte er nichts, doch konnte sie ihn nicht richtig bewegen, der Schock vom Fall saß noch in den Knochen.
Das Mädchen schaute sich um, sie wollte heraus finden wo sie hin gerannt war. Die Stelle kam ihr bekannt vor, es war der Ort an dem sie und Fantaghiro sich von Tarabas verabschiedet hatten er ihr einen Wunsch schenkte.
Gedankenverloren streichele sie ihren Knöchel, es eine schöne Zeit, als Fantaghiro noch bei ihr war. Wieder sammeln sich Tränen in ihren Augen, erst verliert sie eine Mutter zum zweiten Mal, dann kommt auch noch diese Kreatur und versucht ihren Platz einzunehmen.
Ihre Gedanken wurden durch ein lautes Grollen durchbrochen und sie zuckte erschrocken zusammen. Die Wolken hatten zu rasen begonnen und Unwetter war aufgezogen. Der Himmel leuchtete auf, nun begann es auch noch zu blitzen. Die schmalen Schultern sackten seufzend zusammen, als ihre Trauer sie wieder überkam. Doch gab das Unwetter keine Ruhe und suchte sie wieder mit einem lauten Grollen heim. Panisch drückte sie sich an den Baum. Umklammerte ihn grade zu.
Noch ein Blitz, sie drückte ihren Kopf an den Baum bis ihr Gesicht schmerzte und kniff die Augen zusammen. Sie hoffte dass das Wetter sich bald wieder wandelte, doch ihre Hoffnungen wurden von einem weiteren Grollen gebrochen.


Kapitel 3 : Blitz und Donner


Noch immer harrte Smeralda neben dem Baum aus. Als die Himmelsdecke wieder grell aufleuchtete, kniff sie verschreckt die Augen zusammen. Doch diesmal folgte kein Donner.
Vorsichtig öffnete sie erst ein Auge, dann langsam das zweite. Die Gesichter zweier Kinder starrten zurück in das ihrige. Der Junge beäugte sie eine Zeit lang merkwürdig, bis ihn seine Schwester bei Seite schubste und sich an Smeralda wand.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

An dem Baum herunter gleitend starrte Smeralda Donner in die Augen und ließ einen Seufzer von sich. Blitz und Donner gesellten sich zu ihr auf den Boden und starrten sie erwartungsvoll an. Das Mädchen überlegte kurz, dann richte sie ihre Worte an die Geschwister.

„Warum seit ihr hier?“

Blitz und Donner tauschten kurz ein paar grüblerische Blicke aus, dann begann der Junge langsam zu antworten.

„Wir.. flogen wie immer durch unsere Wolken, um das Treiben der Menschen zu beobachten. Da fiel uns etwas auf.. wir dachten, dass Fantaghiro bestimmt davon hören will.“, er griente sie freundlich an. Doch das Grinsen rutsche ihm von den Lippen, als Smeralda abrupt aufschrie.

„Nein! Nicht zu Fantaghiro. Sagt es mir.“

Die beiden starrten sie erschrocken an. Donner war die erste, die roch, dass etwas nicht stimmte. Sie lehnte sich vorsichtig nach vorn.

„Warum sollen wir nicht zu ihr gehen?“, Smeralda entgegnete mit einem bedrückten Schweigen.

Donner verstand, dass Smeralda von etwas zu tiefst bedrückt wurde. Aber offensichtlich wollte das Mädchen nicht darüber sprechen. Also erzählte sie ihr warum sie überhaupt gekommen waren.

„Wir sahen zwei Gestalten..“

„Tarabas und Angelika!“, Blitz unterbrach seine Schwester, die Aufregung brach durch.

Donner rollte mit den Augen, doch blickte wieder ernst drein, als sie Smeraldas Gesicht sah. Das Mädchen riss ihre blauen Augen auf und starrte die beiden wortlos an. Tausend Gedanken prasselten wie ein Regenschauer in ihren kleinen Kopf. Sie griff nach Blitz' Mantelkragen und starrte ihn gebannt an, bis die holprigen Worte ihren Mund verließen.

„Tarabas?“, sie zog ihn näher an sich heran, „Und du verwechselst ihn auch nicht?“

Die Augen des Jungen weiteten sich, irgendwie machte sie ihm jetzt Angst. Er versuchte sich sacht aus ihrem Griff zu befreien, doch die junge Prinzessin hatte mehr Kraft, als er dachte. Er legte ihre Hände auf die ihre, damit sie zumindest nicht noch fester zupackte.

„Ja, ich denke schon. Lange dunkle Haare, mächtige unvergleichbare Aura. Sollte er sein.“

Smeralda ließ abrupt los, vor Schreck fiel Blitz nach hinten, konnte sich aber mit seinen Händen abstützen. "Wir müssen ihn warnen!", sie sprang auf.

Dabei erwischte sie einen kleinen Ast und der Rock bekam einen Riss. Donner und Blitz starrten sie noch immer an. Sie schien nicht einmal zu bemerken, dass etwas passiert war. Ihr Gesicht verriet, dass sie entschlossen war zu handeln. Donner verzog nachdenklich ihre Augenbrauen, bevor sie sich auch aufrichtete.

"Was meinst du? Ist doch etwas passiert?", das Mädchen hinterlegte ihre Worte mit einem bestimmten Ton.

Smeralda blickte sie kurz an, dann starrte sie nachdenklich auf den Boden. Sie bemerkte jetzt den kleinen Riss an ihrem Rock. Sie beugte sich etwas vor und strich gedankenversunken darüber.

"Ja.. ", das Geschwisterpaar musste genau hinhören, um die Worte der Prinzessin zu verstehen.

"Die Frau, die zurückgekehrt ist.. ist nicht Fantaghiro.", ihre Augen glitzerten, als sie es aussprach. Die Geschwister guckten sich einen Augenblick verdutzt an. Dann hinterfragte sie Donner abermals.

"Wie meinst du das?", ihre Stimme strauchelte dabei ein wenig. Die Augen, die die Farben eines Regenschauers trugen, blickten sie verwirrt an.

"Ich meine.. ", Smeralda holte Luft, "dass die Frau da oben in dem Schloss, niemals Fantaghiro ist!", Wut stieg in ihr auf, wollten sie ihr nicht glauben?

"Bist du dir sicher? Vielleicht hat sie sich bloß ein wenig verändert..", Blitz' Gedanken schweiften davon.

"Nein! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Fantaghiro ein Monster mit langen scharfen Zähnen und grässlichen Augen war!", sie schrie es förmlich, ihre Fäuste hielt sie geballt an ihrer Seite. Das Gesicht war rot vor Wut. Blitz und Donner schreckten zurück, die Augen geweitet. Der Junge blickte ungläubig seine Schwester an. Doch die starrte nur auf Smeralda nieder, aber ihre Gedanken waren nicht bei der Prinzessin.
Als Donner etwas sagen wollte, wurde sie von dem Mädchen ihr gegenüber unterbrochen.

"Ihr wusstet dass Fantaghiro zurück ist, warum?", die blauen Augen waren düster. Die Gedanken rasten wirr durch ihren blond gelockten Kopf, als ihr ein schrecklicher Verdacht kam.
Donner schüttelte ihr silbrig blondes Haar, sie wollte das komische Gefühl was sich um sie wie ein Schleier gelegt hatte, wieder abwerfen.

"So wie wir gesehen haben, dass Tarabas kommt. Wir flogen in den Wolken umher. Konntest du dir das nicht denken?", ihre letzten Worte waren etwas harsch. Aber sie wollte nicht, dass sie jemand verdächtigt mit etwas bösen im Bunde zu stehen, und vor allem mit etwas was sie nicht mal kannte.

Der kleinen Prinzessin standen die Tränen in den Augen. In diesem Moment wusste sie gar nichts mehr. jeglicher Verdacht verflog und die Leere wurde von nur noch mehr verwirrenderen Dingen gefüllt. Als die ersten feinen Bahnen ihr Gesicht runterliefen, rieb sie sich die Augen.
Donner hatte Mitleid mit dem Mädchen, auch wenn sie sie eben noch indirekt beschuldigt hatte. Sie ging ein paar Schritte nach vorn und nahm Smeralda in den Arm. Sie legte die ihre mit glitzerndem Stoff bedeckten Arme um sie herum und drückte sie ein wenig an sich. Smeralda war erst erschrocken, doch dann erwiderte sie die Geste.
Blitz fühlte sich ein wenig unwohl mit der Situation und rümpfte die Nase. Er verstand Mädchen nicht, vor allen nicht, wenn sie weinen oder sich umarmen. Aber er wollte nicht unhöflich wirken, also legte er Smeralda zumindest vorsichtig eine Hand auf den Rücken. Auch wenn ihm das ganze Ritual etwas fremd war.
Als Donner von dem Mädchen abließ, guckten sie sich kurz in die Augen, dann schenkten sie sich gegenseitig ein sanftes Lächeln.

"So.. und nun erzähl was passiert ist.", diesmal war Donners Ton freundlich. Smeralda holte ein wenig Luft, sie sammelte die richtigen Worte.

"Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass die Frau die mit Romualdo zurückkam nicht Fantaghiro war. Sie hatte etwas an sich. Und nach dem was vorhin passiert ist, hab ich recht. Als ich zu ihr wollte, in der Nacht... sie hat sich.. in etwas anderes verwandelt..", ein Hauch von Angst strich ihr über den Nacken.
Donner schaute betroffen zu Boden, so lange Zeit haben sie nach ihr gesucht und wo es danach aussah, dass sie wieder da ist, passiert so etwas. Sie schüttelte ihren Kopf vor sich hin. Doch bevor sie etwas aussprechen konnte, ergriff Smeralda das Wort. Wieder mit der selben Bestimmung.

"Bringt mich zu Tarabas. Ich will es ihm selbst sagen.", sie schloss die Augen und breitete die Arme aus. Nur darauf wartend, dass die Geschwister sie mit in die Lüfte tragen, doch die starrten sie nur wieder verwundert an.

"Sofort! Oder wollt ihr warten bis es wieder Winter ist.", sie konnten doch jetzt nicht einfach warten. Hatten sie doch schon genug Zeit vergeudet. Wer weiß wie nah Tarabas nun schon am Schloss ist. Und wer weiß ob dieses Monster auf dem Thron nicht auch ihn verzaubern konnte.

Aufgescheucht ergriff jedes der Geschwister einen Arm und nahmen sie mit sich in die Luft und zogen die dunkel glitzernden Umhänge hinter sich her, bevor sich alle drei in einen großen Blitz verwandelten und die finstere Wand am Himmel grell durchbrachen.


Kapitel 4 : Ein Hauch von Hoffnung


Es war noch nicht hell, aber man konnte sehen, dass die Sonne sich bald zeigen würde. Der Himmel hatte seine Schatten abgeworfen und hielt einen zarten blauen Streifen. Noch nicht hell genug um im Dunkel etwas erkennen zu können, aber genug um eine Reise fortzusetzen. Eine Gestalt ruhte auf einem Baumstamm, im Schatten des Waldes. Es war schwer etwas auszumachen, war er völlig in schwarz gekleidet, nur die leicht blasse Haut gab einen Kontrast. Die dunklen langen Haare waren zu einem Zopf gebunden und reichten an seine Schultern.
Er öffnete leicht seine blauen Augen und blickte verträumt nach vorn, eine gewisse Düsternis lag wie ein Schleier auf ihnen. Aufgescheuchte Vögel holten in aus seiner Trance und er blickte um sich. Zögerlich erhob sich die große Gestalt. Er schaute noch einmal vertieft auf seine Hände, die gerade so aus den Spitzen des Mantels hervor guckten.
Die Finger zuckten und spannten sich an. Von Kuppe zu Kuppe schossen kleine Blitze hin und her. Sein Blick war immer noch düster.
Die Finger entspannten sich plötzlich und er blickte gen Himmel. Er wirkte ruhig, fast gerade zu starr, doch innerlich tobte ein Wirbelsturm von Gedanken und Gefühlen. Aber die blauen Augen gaben nichts wieder, nur diese Düsternis schien darin inne zu wohnen.
Er sträubte sich und schüttelte seinen Mantel, als ob man damit schlechte Gedanken verjagen könnte. Ein paar dunkle Strähnen fielen ihm ins Gesicht.
Es war an der Zeit weiter zu gehen, sie hatten fasst ihr Ziel erreicht. Er ging zurück zu einem kleinen Lager wo ein kleines Feuer schon seit Stunden erloschen war. Daneben lag ein femininer Körper in einem Fell eingerollt. Seine schlanken langen Finger berührten sanft die Schulter des Körpers und rüttelten leicht daran. Sie drehte ihren Kopf der Gestalt zu und blinzelte mehrfach durch verkniffene Augen, bis ein Name ihr sanft und auch irgendwie zurückhaltend über die Lippen kam.

"Tarabas." Er lächelte nicht. Deutete ihr nur jetzt aufzustehen. Angelika strich sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht, welche sich während des Schlafs befreit hatten. Ihre dunklen Augen musterten die Gegend, hatte sie gestern Abend nicht sehr viel davon ausmachen können. Ihr Lager hatten sie erst in der Dunkelheit aufgeschlagen. Sie warf das Fell von sich und richtete den gediegenen roten Sari mit den goldenen Spitzen.
Sie war sich jetzt nicht mehr wirklich darüber im klaren warum sie genau dieses Kleid gewählt hatte, um zu reisen. Aber das lag wohl an ihrer Kinderstube, die besagte als Prinzessin immer in den besten Kleidern aufzutreten. Diesem Wort nachzugehen, bereute sie jetzt zutiefst. Nicht nur trug sich der schöne Stoff ab, es war auch unbequem.
Eines ihrer zarten Hände richtete sich auf Tarabas und deutete ihm ihr aufzuhelfen. Sie waren zwar mitten in einem Wald fern ab ihrer Heimat, aber es gab Dinge auf die sie nicht verzichten wollte.
Er starrte kurz drauf, dann umschlossen seine Finger ihr Gelenk und rissen sie auf die Beine.
Sie wollte sich kurz beschweren, doch der nüchterne Ausdruck in seinen Augen, hielten sie davon ab. Stattdessen starrte sie bedrückt auf den Boden. Für einen Moment überkamen ihn Schuldgefühle und er berührte mit seinen Fingerspitzen zart ihr Kinn. Seine Lippen öffneten sich kurz, so als ob gleich ein paar besänftigende Worte aus ihnen hinaus huschen würden. Doch er ließ ab von ihr und drehte sich weg.

"Es ist nicht mehr weit, wir haben unser Ziel bald erreicht.", er sah sie nicht an und starrte nur auf den Horizont, der sich nun langsam begann in die morgendlichen Farben zu kleiden.

Sie seufzte nur leise vor sich hin. Noch einmal beobachtete sie die Gegend, dabei berührte sie nachdenklich ihr Kinn an der Stelle, wo er es vor wenigen Momenten getan hatte.

"Das klingt gut, ich bin schon völlig erschöpft.", es sollte kein Vorwurf werden, aber die Erschöpfung legte ihr eine gewisse Entnervtheit auf ihre Stimme. In dem Moment wo sie es bemerkte, legte sie reuevoll die Hand über den roten Mund.

"Du hättest nicht mitkommen müssen.", nun war er es, der entnervt klang. Warum musste sie sich auch über jede noch so nebensächliche Sache beschweren? Gut, eine Reise war nichts leichtes, aber sie wollte es nicht anders. Flehte ja schon gerade zu darum.
Sie sah ihn etwas erschrocken an, dann verdunkelten sich ihre Augen mit Trübsinnigkeit.

"Ich weiß, aber ich wollte es eben so. Versteh mich doch.", der flehende Ton war unüberhörbar. Doch waren seine Ohren in dem Moment nicht dafür offen.

"Warum beschwerst du dich dann?", nun starr er sie regelrecht an. Seine Augen funkelten gefährlich wie die einer Raubkatze. Jede falsche Antwort würde seinen Zorn wie nach sich ziehen.

Sein Blick erstickte jegliche Worte, die sich ansatzweise in ihr geformt hatten. Erschrocken starrte sie ihn zurück an. Ihre Augen weiteten sich für einen Moment. Wann hatte er eigentlich die Kontrolle über seine Wut verloren? Oder hatte er dies überhaupt und setze es bloß hin und wieder ein um ihr Angst zu machen? Würde er sowas tun? Sie musste sich eingestehen, dass sie nichts über den Mann vor ihr wusste.
Aber war dies nicht was sie anfänglich so attraktiv fand? Der geheimnisvolle schöne Fremde, es ließ so viel Platz für Fantasien und Träumereien. Doch die Realität hatte sie schnell eingeholt und die Blase zerplatzte an den Dornen der Wirklichkeit.
Ihre Augen wurden ein wenig gläsern, bei dem Gedanken an ihre naiven Träume, dies alles schien nun so fern. Aber sie wollte nicht dran glauben, dass ihr Traumprinz nur eine Illusion ist und wollte um jeden Preis für ihn kämpfen. Auch wenn ihr Leben wie ein zerrüttetes Mauerstück um sie herum einfiel.
Sie wischte sich mit den nackten Armen über die Augen. Er hatte sich schon längst wieder umgedreht, hatte er den kleinen Dialog ja gewonnen.

"Dann lass uns los gehen, sie werden sich bestimmt freuen uns wieder zu sehen.", Angelika versuchte unbekümmert und fröhlich zu klingen, doch der Satz kam ein wenig mit Betrübtheit getränkt aus ihren Lippen.

Tarabas sagte nichts, er lief bloß los, der lange Mantel wehte hinter ihm her. Unzufrieden mit ihrer Umwelt und sich selbst, folgte Angelika ihm. Ohne eine Beschwerde, auch wenn ihre Füße ein wenig schmerzten. Warum konnten sie nicht einfach fliegen? Aber sie traute sich nicht, eine eigentlich so banale Frage zu stellen.


Als sie ein Stück hinter sich gelassen hatten, blieb Tarabas erpruppt stehen und starrte den Himmel argwöhnisch an. Angelika, die beinah in ihn hinein gelaufen wäre, ergriff verwirrt das Wort.

"Was ist? Was hast du?", sie berührte sanft aus Sorge seine Schulter.

Er atmete tief ein, "Etwas kommt auf uns zu." Dann drehte er sich ein wenig mit dem Kopf zu ihr und zum ersten mal seid Tagen lächelte er sanft.

"Aber es ist nichts böses. Ich denke, ich weiß wer es ist.", sie konnte nicht anders und musste selbst lächeln, es überkam sie so stark, dass sie ihre Mundwinkel regelrecht nach oben zogen. Ihn lächeln zu sehen, war wohl eines der schönsten Dinge auf der Welt für sie. Und aller Trübsinn war verflogen, sie sah nur sein Lächeln. Sie konnte nicht anders und beugte sich ein wenig nach vorne um ihre Lippen sanft auf seine zu legen. Er war erst überrascht, dann entgegnete er ihr ebenso sanft, aber nur kurz. Danach richtete sich sein Blick wieder auf den Himmel.
Beide schauten gespannt das Firmament an. Und plötzlich schoss ein greller weißer Lichtblitz durch den Himmel, er drehte eine Runde und fuhr vor dem Paar in den Boden.
Als sich die Sicht klärte, standen drei Kinder vor ihnen.
Tarabas konnte nicht einmal ein Wort zur Begrüßung aussprechen, da preschte die kleine Prinzessin mit wehenden Haaren auf ihn zu und umfasste ihn mit ihren kleinen Armen.
Er strich ihr mit seinen langen Fingern durch die goldenen Locken und lächelte sanft. In seinen Augen spiegelte sich ein liebevoller Glanz. Sie begann zu weinen und drückte ihren Kopf näher an ihn, die Fäuste hielten seinen Mantel mit eisernem Griff. Tarabas ließ seine Kraft durch sie hindurch strömen, wie ein unsichtbarer Nebel.
Smeralda guckte kurz erschrocken hoch, doch dann fühlte sie plötzlich eine beruhigende Energie in sich, die ihren Kummer hinfort blies. Aber da war noch etwas anderes. Als würde eine durchsichtige blaue Hand in ihren Kopf greifen und ihre Erinnerungen berühren, als wären sie ein kleiner Gegenstand an dem man herum fühlen kann. Etwas benommen versuchte sie Tarabas Gesichtsausdruck zu erkennen, doch das Schwindelgefühl verschleierte ihre Sicht.
Blitz wollte verwirrt nach vorne treten und das Mädchen aus den Armen des Zauberers ziehen, doch seine Schwester hielt ihn zurück. Nervös schaute er zu Angelika hinüber, diese sah aber ebenso verwirrt aus. Er wollte sich umdrehen und Donner anmaulen, warum sie ihn denn abhielt dazwischen zu gehen, aber als er ihr Gesicht sah, starben seine Worte in seiner Kehle. Mit ihrem Blick sagte sie ihm, dass er sich besser nicht in das einmischt, was der mächtige Zauberer vor ihnen tut. Vor allen da soeben seine Gelübde brach keine Magie mehr anzuwenden, zumindest in ihrer Anwesenheit.
Seine Hand glitt von ihrem Haar zu ihrem Kinn, dort ruhte sie einen Moment. Dann ließ er gänzlich ab von ihr. Smeralda atmete tief ein, es wirkte als hätte sie die ganze Zeit die Luft in ihren Lungen belassen. Sie blinkte ein paar mal, bevor der Zauber gänzlich gebrochen war und sie sich binnen Sekunden davon erholte.
Alle anderen atmeten auch auf, die Schwere die über der Gruppe lag, löste sich wie ein Schleier von ihnen.

„Was ist gerade passiert?“, Blitz fand nun endlich den richtigen Moment um sich einzumischen. Alle Blicke richteten sich auf ihn.

„Ich dachte das es besser wäre, wenn ich so erfahre, warum sie so durcheinander ist.“, die Stimme des Zauberers war sanft, trug aber trotzdem eine gewisse Bestimmtheit die davon sprach, keine Gegenworte zuzulassen.

Als Blitz dieses doch anzweifeln wollte, unterbrach ihn die kleine Prinzessin, die noch immer vor dem Zauberer stand. „Es ist in Ordnung..“, dann schaute sie Tarabas an „Danke.. „

Sie schenkte ihm ein zartes Lächeln, bevor sie sich von ihm wegdrehte. Donner blickte Tarabas mit versteinerter Miene an.

„Und was denkst du? Was können wir tun?“, sie klang eisern.

Tarabas seufzte kurz auf und fuhr sich durch die Haare. Dann blickte er kurz Angelika an. Diese war von der ganzen Situation mehr als verwirrt, jetzt verstand sie überhaupt nichts mehr. Er wollte sie aber nicht im dunklen stehen lassen, war es viel zu wichtig.

„Es ist etwas passiert. Eine Frau gibt sich als Fantaghiro aus und hat alle anderen in einen Bann gezogen.“, es klang so belanglos, wie er es aussprach. Zumindest wirkte es so auf sie. Ihre dunklen Augen schauten ihn kurz nachdenklich an.

„Ich werde schauen, ob ich den Zauber brechen kann, aber ich kann es nicht versprechen. Auch wenn meine Macht größer ist, man kann nicht jeden Fluch so einfach lösen. Das ist alles etwas schwierig.“, er sprach indirekt die Geschwister an. Doch sein Blick verharrte immer noch auf Angelika.

„Auch das noch. Eigentlich wollten wir kommen, um Romualdo bei seiner Suche zu helfen und nun müssen wir ihn von einem Zauber befreien.“, es war kein Vorwurf, aber der leicht genervte Ton ließ es so klingen.

„Er kann nichts dafür, sie war einfach da, wie ein böser Traum.“, Smeralda verteidigte ihren Ziehvater vor der älteren Prinzessin. Auch wenn sie wusste, dass Angelika es nicht so meinte, trotzdem wollte sie es nicht so stehen lassen.

„Ich weiß.. es ist bloß alles etwas anstrengend.“, ein verständnisvolles Lächeln huschte über die Lippen der dunkelhaarigen Schönen.

„Ihr solltet euch lieber einen sicheren Unterschlupf suchen, falls ich nicht erfolgreich bin.“, Tarabas schüttelte seinen Mantel aus, während er in die kleine Gruppe hinein sprach. Alle schauten nachdenklich zu ihm auf.

„Das ist wohl das beste, wir bringen Smeralda und Angelika an einen sicheren Ort. Ich hab da schon eine Idee..“, Donner strich sich über ihr Kinn. Während man hinter ihren regenblauen Augen erkennen konnte, dass dort ein Gedankengemenge herrschte.

Blitz dauerte es zu lange, bis sie nun endlich ihre Idee preisgab und hinterfragte ungeduldig.

„Und wohin bringen wir sie nun?“, der Junge schwankte voller Unruhe von einem Fuß zum anderen.

Seine Schwester rollte mit den Augen und setzte ihren Gedanken fort.
„Wir bringen die beiden zur weißen Hexe, dort sind sie sicher. Sie lebt doch so versteckt, kaum einer weiß wo sie nun ist.“, sie sprach es aus, als wäre es der beste Einfall in ihrer Welt. Sie schaute erwartungsvoll in die Runde, sie mussten ihr doch zusprechen.
Tarabas strich sich über den so säuberlich geformten Bart und nickte langsam.

„Das ist wirklich eine gute Idee. Ihr macht euch sofort auf den Weg, wartet dort nicht auf mich. Ich weiß nicht ob ich zu euch stoßen werde. Ich muss mir erstmal ein Bild machen.“, er gestikulierte ihnen sich auf den Weg zu machen.

Etwas überrascht von seinem Wunsch nickten die anderen auch. Bis auf Angelika, sie starrte ihn nur ungläubig an, als hätte er soeben die Welt in zwei Hälften gebrochen.

„Was hast du?“, der Zauberer war verwirrt, was war es denn nun?

„Du willst mich verlassen?“, ihre dunklen Augen musterten ihn ungläubig. Er entgegnete ihr mit einem tiefen seufzen.

„Vorerst, um Unschuldige aus den Fängen einer fremden bösen Macht zu holen.“, wieder versuchte er es so klingen zu lassen, dass eine Antwort auf seine Aussage unlegitim war. Als wäre es selbstverständlich, dass er recht hat.

Angelika verzog kurz die Mundwinkel, doch blieb still, dass ihre Augen glasig wurden, war genug um alle wissen zu lassen, was sie dachte. Smeralda trat noch einmal an Tarabas heran und drückte sich noch einmal an ihn heran. Auch sie sprach nicht, drückte sich nur durch das Lächeln aus, was ihn hoffnungsvoll anstrahlte. Dann trat sie zurück und gesellte sich zu dem Unwetter-Geschwistern. Nun war es Angelikas Part sich zu verabschieden. Ihre dunklen Augen durchbohrten sie für den Hauch eines Momentes. Dann fiel sie ihm wie ein Fluss aus rauschendem Rot um den Hals. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Hände umkrallten seinen Hals. Er streichelte kurz ihren Rücken.
Seine Hände griffen nach einem Moment nach ihren Oberarmen und drückten sie sanft von sich. Tränen liefen über die leicht getönte Haut. Der zarte Körper bebte. Ihm war nicht klar, warum sie so reagierte. Sie würden sich bald wiedersehen.

„Es ist nur für eine Weile.“, mit seinen blauen Augen, die diesen mysteriösen Grauschimmer in sich trugen, starrte er sie liebevoll an. Mit seinem Blick versuchte er sie auf zu muntern. Aber es war nicht das, was sie befürchtete, könnte er sich doch von ihr entfernen, wenn sie ihn nicht mehr umgibt. Diese Angst hatte sie schon oft und hielt sie an manchen Nächten wach. Was ist, wenn es nur ihr Körper war, der sie aneinander band? Sein Griff war nicht fest, deswegen konnte sie sich gegen den leichten Widerstand gegen drücken und sich nach vorne beugen. Seine Hände fanden ihren Weg unter ihr Kinn und richteten es nach oben. Dann neigte er seinen langen schlanken Körper ein wenig nach unten. Dankbar lächelte sie leicht, bevor sich die Distanz zwischen ihnen schloss.
Der Kuss war intensiver als das letzte Mal, doch lösten sie sich schnell wieder voneinander. Immerhin hatten sie drei Kinder an ihrer Seite. Auch wenn das Angelika am Ende doch nicht so gestört hätte, weswegen sie einen leisen leichten Protest von sich gab, nachdem er seine Lippen von ihr löste.

„Ich habe noch etwas, falls ich nicht rechtzeitig komme und ihr in Gefahr geratet.“, er drehte seine Hand nach unten, als er sie binnen Sekunden wieder zurück drehte, befand sich ein gelb-rötlich leuchtender Ball auf ihr. Er war nicht sonderlich groß, hatte vielleicht die Ausmaße eines Eis. Er streckte seine Hand zu Smeralda aus, welche das Geschenk dankbar mit großen leuchtenden Augen annahm.

„Werfe es auf den Boden, wenn Gefahr droht, es baut einen Schutzkreis von etwa 3 Meter Ausmaß auf. Wenn ihr seine Grenze überschreitet, löst sich der Zauber wieder.“, seine Antwort erfolgte prompt auf die fragenden Blicke. Die kleine Prinzessin umschloss es mit beiden Händen und hielt es fest darin.
Donner ergriff Angelikas Arm, worauf diese für einen Moment erschrocken auf das kleinere Mädchen schaute. Doch sie konnte sich denken, dass dies wohl nötig war um sie zu transportieren.
Blitz tat es ihr nach und ergriff Smeraldas Arm. Diese reagierte nicht einmal und starrte weiterhin auf die leuchtende eigroße Kugel. Das Geschwisterpaar verneigte sich kurz vor dem Zauber, bevor sie sich wieder in leuchtende Blitze wandelten und gen Himmel brausten und den blauen Himmel mit einem grellen Licht teilten.
Tarabas starrte ihnen noch kurz nach, bevor er sich selbst in Bewegung setze. Er schüttelte seinen Mantel noch einmal aus, bevor seine Form sich in Dunkelheit hüllte und er binnen Sekunden in Tausend Krähen zersprang und der Schwarm sich ebenfalls in die Lüfte erhebte.


Kapitel 5 : der Bräutedieb


Der weiche Boden, den sie unter ihren Lederstiefeln spüren konnte, gab leicht nach, als sie ihre ersten Schritte in den kleinen Ort setzte. Nun endlich hatte sie eine Siedlung entdeckt,
ihre Knochen sehnten sich nach einer Pause. Fantaghiro musste sich am Riemen reißen um nicht an Ort und Stelle zusammen zu sacken. Seit Stunden hatte sie sich durch matschigen Boden gekämpft, der Dreck war ihr bis an die Schenkel gespritzt. Es fröstelte ihr ein wenig, als sie auf den silbernen Mond schaute, der als einsamer Herrscher am Firmament prangerte. Sie lehnte sich schwächlich an einen Heuwagen, der sich neben ihr befand. Sein Eigentümer hatte sich wohl unters Tavernenvolk gemischt, ohne sich um sein Besitz zu kümmern. Just diesen Momentes war sie froh darüber, so konnte sie sich an etwas abstützen. Fantaghiro schloss kurz die dunkeln Augen, sie konnte nichts dagegen tun, ihr Körper verzehrte sich zu sehr nach Ruhe. Sie hatte das Gefühl als würde sie beinah einschlafen.
Doch war die Rast nur kurz, denn diese wurde von lauten Schreien durchbrochen. Als sie ihre Augen wieder öffnete sah sie einen jungen Mann auf sich zu rennen. Seine klaren blauen Augen waren von Panik getränkt. Er hielt vor ihr inne, kurz Luft holend und den verdreckten blonden Kopf nach unten neigend. Dann griffen seine ebenso verdreckten Hände hastig nach ihren Armen. „Bitte, ihr habt mich nicht gesehen. Am besten habt ihr überhaupt nichts gesehen. Es ist wichtig..“, er holte wieder Luft, seine Worte verließen seinen Mund in ungleichen Abständen, offenbar war er außer Atem.
„Die sind völlig wahnsinnig!“, dann ließ er von ihr ab. Die klaren Augen blickten auf den Heuwagen, dann zurück zu Fantaghiro. Als der Lärm des Pöbels lauter wurde erfasste er seinen Entschluss und griff nach einer der Holzwände des Wagens. Er warf sich mit voller Kraft in das Heu und wand sich darin, bis er völlig vom gelben Stroh bedeckt war. Fantaghiro musste augenblicklich auf diesen Akt hin lachen. Doch dämpfte sie dieses mit ihrem Ärmel, als sie die Meute wütender Menschen auf sich zu rennen sah. Ein alter Mann mit einer Fackel in seiner Hand blieb vor ihr stehen und betrachtete sie argwöhnisch. Sein Leib war in schwarze Lumpen gehüllt. Der lange und strähnige Bart tänzelte bei jeder Bewegung um den knöchrigen Leib. Seine schmale und verwelkte Stimme drang an ihre Ohren.
„Habt ihr einen Mann hier vorbei laufen sehen? Mit kurzen blondem Haar, nicht zu übersehen der Unhold.“ Sie blinzelte mehrmals auf, bis sie den Blick des Alten erwiderte.
„Ich hab niemanden hier gesehen, er muss wohl einen anderen Weg eingeschlagen haben.“ Fantaghiro ließ ihren blick über den Pöbel schweifen, stieß aber immer wieder auf düstere und mürrische Blicke. Nun war sie leicht verunsichert, in Hinsicht auf den jungen Mann, dem sie gerade unweigerlich geholfen hatte.
„Um wen handelt es sich denn, falls ich ihn treffen sollte. Damit ich vor dem Halunken gewarnt bin.“ Wieder wurde Fantaghiro von den skeptischen Blicken des Ergrauten gemustert.
„Er war ein Priester, sollte ein junges Paar verheiraten. Aber dazu kam es nicht, er wurde mit der Braut erwischt.“ Der Alte räusperte kurz auf, nachdem Fantaghiro eine ihrer Augenbrauen hochzog. Dann kam sein faltiges Gesicht näher an das ihrige heran.
„Er ist vor seiner Strafe geflohen, nun muss er dafür büßen. Aber nicht nur deswegen, die Braut ist seit jeher auch verschwunden, wer weiß was er mit der gemacht hat.“ Auf das Gemurmel des Mannes antwortete Fantaghiro nur mit einem langsamen nicken.
„Falls ihr ihn sehen solltet, gehe ich davon aus dass ihr es uns sagen würdet.“ Mittlerweile war sie den kritischen Blick des Mannes leid.
„Natürlich, ich folge einfach dem Geschrei.“, mit einem liebreizenden Lächeln verlieh sie ihren Worten ein merkwürdiges Aussehen. Die aufgebrachte Meute wandte sich von ihr ab und bewegte sich mit ihren Fackeln in die Richtung aus der sie gekommen war.
„Gehen wir zurück zu Kirche, der Täter kommt immer an den Ort seiner Tat zurück!“ Auf den Ausspruch des betagten Gruppenführers rollte sie ihre dunklen braunen Augen und grinste erleichtert. Als das Licht der Fackeln zwischen den Wänden der Häuser verschwand, setzte sich der Wagen in Bewegung. Fantaghiro vernahm ein pfeifen, als sie sich umdrehte sah sie den Wagen von sich wegrollen. Es war ein Signal, dem sie sogleich folgte, in dem sie ihre letzten Kräfte zusammen nahm und mit Schwung auf den Wagen aufsprang. Wie der Fremde vor kurzen wandte sie sich nun durch das Heu. Als sie am Sitzbrett ankam, verließen ihre Kräfte sie endgültig. Zur Hälfte auf dem Brett liegend betrachtete sie den unbekannten Mann. Als sie sich die Situation durch den Kopf gingen ließ, musste sie unweigerlich auflachen. Die hellen blauen Augen des Fremden blickten ebenso amüsiert auf seine Begleiterin.
„Ich bin Celius.“
„Fantaghiro.“, war die ihre Antwort. Er wandte seinen Blick zurück auf die Straße, vorbei an den Pferden.
“Ich muss zu einem Magier.“, die erschöpfte Stimme hinter ihm brachte ihn dazu wieder Fantaghiro anzublicken. „Ich weiß einen, ich fahre euch hin.. zum Dank.“ Die Gefälligkeit erwiderte sie mit einem Lächeln, dann schloss sie erschöpft die Augen. Doch hatte Celius das Bedürfnis ihr noch etwas dringendes zu sagen, bevor sie einschlief.
„Ich hab nichts mit ihrem verschwinden zu tun, also die Braut mein ich. Die ist bloß aus Scham untergetaucht.“ Es war auch das letzte was sie vernahm, als sie sich bequem ins Heu fallen ließ.


Kapitel 6: Eine Frage des Vertrauens


Die dunklen Wolken am Himmel wirbelten sich zu einer großen dunklen grauen Masse zusammen. Wie ein Trichter formten sie sich über einem Feld zusammen. Aus der Mitte stoß ein greller Lichtblitz hervor und schoss auf den Boden zu. Als er die Erde unter sich berührte, quoll eine Wolke aus Nebel hervor, welche die Silhouette dreier Menschen hervor brachte. Blitz und Donner suchten sofort die Gegend auf einen Hinweis wegen des Aufenthalts der weißen Hexe ab. Angelika ergriff sofort Smeraldas Schulter. Das kleine Mädchen schaute kurz erschrocken empor, bis sie bemerkte wer sie da ergriff. Die Geschwister deuteten auf eine kleine Hütte, die leicht versteckt hinter dem Waldesrand lag. Es war nichts auffälliges. Fast wie eine kleine Fischerhütte, bloß das helle Holz stach hervor. Donner drehte sich zu ihren Begleitern um.

„Seht ihr das? Das muss ihre Zuflucht sein. Nichts pompöses. Ich hätte nichts anderes erwartet.“, auf ihren Lippen zeigte sich ein leichtes Lächeln.

Nachdem noch immer keiner ein Schritt nach vorne gemacht hatte. Stampfte das Mädchen auf den Boden auf.

„Nun steht hier nicht so angewurzelt da, wir müssen uns schließlich beeilen.“

Angelika schluckte, dann richtete sie ihren Blick auf das Mädchen mit den wilden Blonden Haaren vor sich.

„Ich hab sie noch nie gesehen, eure weiße Hexe. Meinst du sie wird es gut heißen, wenn wir einfach so herein spazieren.

Nachdem sie sich zurück gezogen hat?“
Donner dachte kurz über die Worte der älteren Prinzessin nach. Sie schaute ihren Bruder nach einer Antwort fragend an. Doch dieser schaute bloß verwirrt entgegen. Typisch, immer waren ihr die wirklich schwierigen Entscheidungen überlassen. Sie seufzte kurz auf, dann richtete sie sich an Angelika.

„Natürlich, sie war immer für alle da. Sie ist der gute Geist in diesen Wäldern. Sie wird uns nicht einfach wieder fort schicken in so einem Moment. Selbst wenn sie keine Macht mehr hat, ihre Weisheit wird uns dennoch helfen.“

Das junge Mädchen klang überzeugt. Das leuchten in ihren blauen Augen unterstrich dies. Angelika nickte langsam und ließ dann von Smeraldas Schulter ab. Die kleine blond gelockte Prinzessin lächelte ihr aufmuntert zu. Selbst wenn die Situation gefährlich war, ein Gedanke gewann die Oberhand. Und diesen sprach sie aus.

„Jemand der Fantaghiro alles beigebracht hat und sie so unterstützt hat, wird uns nicht davon jagen. Zumindest wird sie uns anhören.“

Angelika schloss kurz ihre dunklen Augen und verinnerlichte die Worte der beiden Mädchen. Tarabas hätte sie nicht so einfach fort geschickt, wenn er gewusst hätte, dass sie nicht den Hauch eine Chance haben hier Hilfe zu finden. Sie nickte den beiden zu.

Die kleine Gruppe setzte sich nun in Bewegung. Auch wenn sie langsam und bedenklich voran schritten, die Hütte, die sich von dunklen Hold des Waldes absetzte, kam beträchtlich näher.


Als sich ihre Lider öffneten, begrüßte sie ein sanfter rosa Schimmer. Hatte sie bis Sonnenaufgang geschlafen? Fantaghiro rieb sich die dunklen braunen Augen und sammelte für einen kurzen Moment ihre Gedanken. Anderswo-Welt. Celius. Ja, so langsam machte es wieder Sinn. Schlagartig drehte sie sich um und warf ihren Blick auf den blonden Mann an den Zügeln. Ist er die ganze Nacht durch gefahren? Mit den langen Fingern fuhr sie sich durchs Gesicht um die letzten Reste der Müdigkeit hin fort zu scheuchen. Durch die plötzliche Bewegung im Wagen bemerkte Celius das seine Begleiterin aufgewacht war. Er drehte seinen Kopf leicht zur Seite und präsentierte ihr ein charmantes Lächeln.
Doch seine Bemühung blieb relativ unbemerkt und Fantaghiro entgegne ihm skeptisch.

„Warum hast du mich nicht geweckt? Ich hätte dir zumindest Arbeit beim fahren abnehmen können.“

Noch immer trug sein Gesicht ein fröhlichen Ausdruck, Funken in seinen hellen blauen Augen erzählen ihr, dass er in guter Laune war.

„Schieß nicht auf unbewaffnete Männer. Ich meinte es nur gut und wollt dich ausschlafen lassen, du sahst aus als könntest du es gebrauchen. Außerdem dachte ich, wenn ich so viel wie Möglich an Weg schaffe während du schläfst, umso mehr fühlt sich mein Gewissen erleichtert.“

Fantaghiro brauchte einen Moment um den Schwall an Worten zu verarbeiten, aber als es langsam in Reihe und Glied in ihren Kopf marschierte, glitt ihr ein Schmunzeln über die Lippen. Bedeutete ihm das was sie in dem kleinen Dorf getan hatte so viel? Vor was hatte sie ihn da eigentlich bloß in Schutz genommen? Aber das waren Dinge die sie immer noch zu einem späteren Moment anbringen konnte, erstmal wollte sie jemanden finden der Antworten darauf hatte, wie sie zurück in ihre Heimat zurückkehren kann.
Langsam richtete sie sich auf, das Geholper das Wagens auf dem unebenen Weg machte es nicht einfach. So musste sie sich immer wieder auf dem weichen Heu abstützen, was nicht wirklich zu helfen schien.

„Wie weit sind wir denn von demjenigen entfernt, von dem du gesprochen hast?“

Ihre Worte waren noch nicht so stabil wie sie sein sollte, die Müdigkeit saß doch noch irgendwo in ihren Knochen fest.

„Nicht weit, da wir die Nacht durchgeritten sind, haben wir ein gutes Stück zurück gelegt. Auch wenn ich jetzt ein kleines hübsches Schläfchen gebrauchen könnte. Aber du weißt den Weg nicht und den Rest schaff ich schon noch irgendwie.“

Sein Optimismus wich keinen Moment bei Seite. Immer noch griente er sie fröhlich an, auch wenn sie jetzt die Müdigkeit in seinen Augen erkennen konnte. Als wäre sie von ihr abgewichen und zu ihm hinüber geflogen.

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir meine Dankbarkeit ausdrücken kann.“

Fantaghiro sprach ihn ruhig an, auch wenn sie ihre Worte meinte, sie sollten nicht zu verzweifelt klingen. Sie war nicht blöd. Am Ende kannte sie diesen Mann nicht, was wirklich hinter ihm lag, war doch ein verschleiertes Tuch.

„Das können wir immer noch sehen, wenn wir angekommen sind. Den ein oder anderen Gefallen kannst du mir bestimmt machen.“

Noch immer wirkte er euphorisch. Er schaffte es sogar seine zweideutigen Worte so zu verpacken als würde es einer aufrichtigen Seele entweichen. Aber die Zeit mit Aries ließ Fantaghiro für einen Augenblick die Augenbraue anheben. Doch sie ging auf seine Worte ein und verbarg ihre Gedanken in ihrem Innersten. Sie hatte so einige Tricks gelernt, es würde reichen, wenn sie ihre Hand auf ihrem Schwert ruhen lässt.

„Ja, bestimmt lässt sich was finden.“

Mit den Worten richtete sie sich so gut wie es geht auf und stolperte zu Celius auf die Bank hinüber.



Fortsetzung folgt...


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